aus dem Text zur Ausstellung „Gemischtes Doppel“, Städtische Galerie, Pforzheim, 05. Mai 2013 – 09. August 2013

Thomas Schlereth

… Karin Schwarzbek befragt in ihren Malereien und Zeichnungen das Ding Bild. Auf kleinen Formaten finden sich ausgewählte Formen, Spuren oder Gesten. Einem näheren Hinsehen geben sie Hinweise ihrer Gemachtheit preis. Der Zug des Pinsels und Grate im Farbauftrag sind sichtbar. Doch zeigen die Bilder damit weniger ein Abbild von etwas an,als viel mehr dessen Möglichkeit: gerade ließ mich diese Form in ihrem stillen Leuchten an etwas anderes denken als jetzt. Selbst die Bilder, deren Formen plausibel als Gesten anzusprechen sind, gehen nicht in bloßer Gestik auf. Etwa ein dünner weiterer Farbüberzug bindet sie an den Malgrund zurück. Die Geste ist nicht nur einmal gesetzt, sondern wurde zusätzlich auf die Bedingungen ihrer Gesetztheit hin befragt. Ähnlich verhält es sich mit jenen Bildern, die motivische Anklänge tragen. Es klingt in ihnen an, dass es einen Gegenstand geben könnte. Eine abschließende Zusage stellt das Bild jedoch nicht aus. In dieser Schwebe gehalten sind die Malereien sehr offen für das, was an sie herangetragen wird, und doch bedarf jene Schwebe eines hohen Maßes an Balance, um nicht in eine und keine andere Bestimmtheit abzugleiten und in ihr zu enden. Von einer verwandten, bestimmten Unbestimmtheit sind die Portraits des italienischen Malers Bronzino (1503-72). Man denke etwa an das sog. Portrait eines jungen Mannes von circa 1540, das sich im Metropolitan Museum of Art, New York befindet. Wie passend trifft es sich, dass der junge, belesene Adelige keinen Namen trägt? Obwohl die Malerei, selbst in den verschatteten Bereichen, keine Feinheiten seines Äußeren auslässt, entrückt sie den jungen Mann. Das ist in der seitlichen Haltung des Oberkörpers begündet, kulminiert jedoch im Abdriften des linken Auges. Trotz Enface ist ein Vis-a`-vis nicht wirklich möglich. Ganz in diesem Sinne gestaltet sich auch das Umfeld, das aus Versatzstücken unterschiedlicher Architekturelemente und zugehöriger Ornamente besteht. Alle betonen sie hintergründig die Ausschnitthaftigkeit des Bildes und entziehen der selbstdar- stellerischen Pose des jungen Herrn ihrerseits eine einseitig bestimmende Wirkung. Auf ganz ähnliche Art verweisen auch die Arbeiten Karin Schwarzbeks nach Außen und mitunter auf die benachbarten Bilder. Einige Wandfelder, die die Städtische Galerie anbietet, tragen kleinformatige Ölmalereien in Bildfeldern. Die Schwebe bestimmter Offenheit erhält in dieser Form nochmals zusätzliche Komplexität. Jede Malerei kann für sich betrachtet werden und doch lässt ihre Hängung keinen Zweifel, dass eine gemeinsame Betrachtung und ein Aufeinander-Beziehen der Bilder intendiert ist. Mögliche Gesten und potentielle Gegenstände können sich kreuzen, können zusammenfinden, ohne dass sie dies müssten. So tritt das Ding, das ein Bild ist, als stille Quelle von Möglichkeiten zu Gesicht und gibt Mut, den Glauben an diese bestimmte Wirklichkeit für einen Moment loszulassen…