"Sprache in der Kunst": Auszüge aus einem Gespräch von Christian Vetter mit Karin Schwarzbek im Kunstraum Station 21, Zürich

Christian Vetter: In deiner malerischen Entwicklung gibt es immer wieder Brüche, wo etwas Abgeschlossen zu sein scheint und etwas Neues auftaucht. Wie kommt es dazu?
Karin Schwarzbek: Es gibt Anlässlichkeiten zu malen. Die Fragestellungen tauchen aber immer erst im Bild auf, und je nach dem verlangen diese dann neue Formulierungen. Malen ist nachdenken, ist eine Befragung des Bildes.

CV: Wir gehen in deiner Arbeit 10 Jahre zurück. Du maltest grossformatige Landschaften und plötzlich taucht Figuration auf, Körperfragmente, Beine?
KS: Ich hatte nie das Gefühl, dass man figurativ malen kann. Während meines Aufenthaltes in der Cité des Arts in Paris nahm ich trotzdem einen Anlauf. Die Körperthematik liegt mir sehr am Herzen und es ist für mich naheliegend, dies in der Malerei zu bearbeiten. Das Abbilden eines Körpers speist sich immer über den fremden Blick. Mit dem Vokabular der Malerei hielt ich die informative Erzählung des Bildes in Schach. Jemand hat mal gesagt, dass in meinen Bildern eine Art mentale Körperlichkeit realisiert sei. Diese Einschätzung umschreibt mein
eigenes Verständnis recht gut. Meine figurativen Bilder verweisen mehr auf eine Befindlichkeit, denn auf einen realen Körper.

CV: 2009 gibt es erneut einen Bruch. Diesen würde ich so beschreiben, dass du in deinen Bildformu- lierungen nicht mehr auf visuelle Beobachtungen zurückgreifst, sondern auf eigene Körperwahrneh- mungen. Gibt es für dich eine Analogie von Körper und Leinwand?
KS: Anlass zu diese Arbeitsgruppe war mein Versuch, das Gesicht, das Antlitz ins Bild zu bringen. Wenn ich die Augen schliesse, dann kann ich von inneren auf meinen Körper schaun. In der Ausei- nandersetzung mit dem Körper ist die Frage nach der Grenze von Innen und Aussen nicht wegzudenken.

CV: Auf den Papierarbeiten 2010 sind die figurativen Referenzen dann ganz verschwunden. Das Körperthema spinnt sich im Akt der Malerei weiter. Welche Rolle spielt dabei die Geste?
KS: Malerei ist nicht denkbar ohne körperliche In- teraktion. Die Geste bildet diese Bewegung ab. Ist der Farbauftrag sozusagen «gegen» die Bildoberfläche gesetzt, reagiert der Bildträger. Die Lein- wand oder das Papier als Gegenüber tritt so in ihrer Unmittelbarkeit in Erscheinung. Der Moment und die mediale Eigengesetzlichkeit werden wichtig. Die Papierarbeiten zeigen diesen Dialog.

CV: In den darauf folgenden Arbeiten setzt du dann die einzelnen Gesten wieder zusammen zu Zeichen, zu Chiffren. Sind es Handzeichen?
KS: In dieser Zeit studierte ich vermehrt byzantinische Kunst, insbesondere die bildnerischen For- mulierungen der Hände, die ja Zeichen sind. Zurück in der Leinwandmalerei wurde das Format nun kleiner, handgross, handsome,... ich bearbeitete die Bildoberfläche direkt mit den Fingern. Format und Geste (und Körper) mussten sich entsprechen.

CV: Ich weiss, dass du dich immer wieder intensiv mit der Malereitradition auseinander gesetzt hast. Welche Rolle spielte dabei die Inkarnat Malerei? KS: Im Rahmen des Förderbeitrags des Kanton Thurgau 2014 wollte ich meine Liebe zu Ikonen, zur Malerei des Mittelalters, und der frühen Renaissance überprüfen. Wie der Körper gemalt ist, spielt dabei eine wichtige Rolle. Im Inkarnat ist eine Analogie von Farbe, Leinwand und Haut gegeben. Ich habe längere Zeit im Atelier von Thomas Zirlewagen Restaurierungsarbeiten assistiert und mich mit dem Bildaufbau dieser Gemälde auseinandergesetzt. Diese Recherche hat meine Bilderproduktion beeinflusst. So ist meine Performance der Bildfindung an einem Punkt angelangt, an dem ich meine Arbeiten mehr behandle, als male. Ich strapaziere die Malerei. Ich zerlege Maltücher und vernähe sie anschliessend neu. Ich nehme bemalte Leinwände und Bilder von ihren Chassis und von der Wand; sie liegen nun gefaltet auf einem Sockel. Sie befinden sich in einem Lagerzustand und sind offen für mögliche Handlungen... und dann ist das Körperthema benennbar wieder da: als Verhüllung, Gewand, als Schnittmuster, Rock oder Tasche, oder als Haut. Eigentlich bin ich immer auf der Suche, wo das Bild stattfindet. /