Rezension im Kunstbulletin 2010, Heft 11 zur Ausstellung „Eine“, Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Kartause Ittingen, 25. Juni 2011 – 11. Dezember 2011

Irene Müller

In den letzten Jahren hat sich Karin Schwarzbek intensiv mit dem menschlichen Körper, mit den Möglichkeiten seiner malerischen Aneignung, Neufindung und Auflösung beschäftigt. Den unlängst beendeten Berlin-Aufenthalt nutzte sie dazu, diese Fragestellungen in Arbeiten auf Papier weiterzuführen.
Die Ausbeute dieses durch die Ortsveränderung motivierten Medienwechsels präsentiert die Künstlerin nun in der Kartause Ittingen, wobei sie mit den präzise gesetzten, 2010 entstandenen Gemälden nicht nur die jeweils medialen Eigengesetzlichkeiten akzentuiert, sondern für die neuen Arbeiten auch einen bildlich-inhaltlichen Referenzrahmen setzt. Diese Gegenüberstellung macht jedoch auch deutlich, mit welcher Experimentierfreude und Konsequenz Schwarzbek bereits ihre Leinwandbilder von den Spuren des Figürlichen befreit, diese geradezu aus ihnen heraus-arbeitet. Die Motive lassen sich nur noch erahnen, meist sind es minimale, doch äusserst präzise Markierungen, die innerhalb der flächigen Schichtungen, der akkumulierten und verschliffenen Farbmaterie Anhaltspunkte eines Gesichts, für herabhängende Haare oder Körperpartien bieten. Und die abgetönte Farbpalette trägt das Ihrige dazu bei, dass sich die Formen und Setzungen viel eher als Elemente einer vagen, unermesslich scheinenden räumlichen Präsenz artikulieren, denn als Chiffren einer abstrahierten Körperlichkeit.
Im Arbeiten auf Papier erfährt das Wechselverhältnis von innerbildlicher Räumlichkeit und Bildraum eine gewissermassen materialbedingte Intensivierung. Der Farbauftrag ist sozusagen «gegen» die Papieroberfläche gesetzt, er öffnet ihre Haut, weicht sie auf. Die Reaktion des Bildträgers auf die Berührung durch den Pinsel führt dazu, dass sich der Farbkörper - wie es die Künstlerin formuliert - in den Raum wölbt. In vielen Arbeiten lotet Karin Schwarzbek diese Eigenheiten bewusst aus, hält der Beweglichkeit des Papiers eine Widerständigkeit im Malprozess entgegen. Dezidiert gesetzte Striche und Punkte, manchmal begleitet von transparenten Flächen, dazwischen und darum herum viel freier, «unbezeichneter» Raum: Das Blatt wird zum Akteur, zum Gegenüber einer in ihrer Unmittelbarkeit auch risikoreichen Begegnung. Dieser Herangehensweise entspringt nicht nur die radikale Reduktion der Bildelemente, sondern letztlich auch die zeitliche Verfasstheit dieser Arbeiten: Sie ver- mitteln eine akute Dringlichkeit, das Aufblitzen einer an den Augenblick gebundenen Gegenwart - den Blick auf die Welt im Moment eines Lidschlags.